Wie eine 18-Jährige Hambühren verzweifeln lässt

Die Vandalismus-Serie einer jungen Frau lässt Menschen in Hambühren im Kreis Celle am Rechtsstaat zweifeln.

Man sieht die Kameras nicht sofort, aber sie sind da. Sie beobachten die ruhigen Straßen der Siedlung in Hambühren (Kreis Celle), die sauber gefegten Einfahrten, die Rhododendron-Büsche in den Gärten, die Autos in den Carports. Und weil manche Menschen nicht allein auf die Technik vertrauen, stehen sie nach Mitternacht auf, stellen sich ans Fenster oder gehen gleich nach draußen, um nach dem Rechten zu sehen. Es ist ein Leben im Daueralarm. Eigentlich wäre es höchste Zeit, dass mal wieder Alltag einkehrt in Hambühren, meint eine Anwohnerin. „Aber wir stehen alleine da. Wir werden im Stich gelassen.

Für den Verlust ihres Alltags machen die Hambührener eine 18-jährige Frau aus dem Ort verantwortlich. Mehr als 100 Anzeigen liegen gegen sie vor: Sie soll Autos zerkratzt, Kennzeichen gestohlen und zuletzt sogar Gartenhäuschen und Fahrzeuge angezündet haben. Die Anwohner fühlen sich bedroht und von Polizei und Justiz nicht ausreichend geschützt. Sie sind keine Revolutionäre, keine Populisten, keine Abgehängten – aber sie verstehen den Rechtsstaat nicht mehr. Sie hadern mit Institutionen, denen sie immer blind vertraut haben. Und das alles wegen einer jungen Frau?

Die 18-Jährige ist im Ort gut bekannt, sie lebt mit ihrer Familie hier. Und wenn die Anwohner über ihre Vergangenheit sprechen, sind sie voll des Lobes: „Sie war immer da, immer zuverlässig.“ Bei Hilfsaktionen oder Veranstaltungen des Roten Kreuzes oder der Feuerwehr habe man sich auf ihre Mitarbeit verlassen können. Ein zierliches Mädchen, vielleicht etwas zurückhaltend, am Ende ein Teenager, der perfekt in die bürgerliche Umgebung passte.

Doch vor über einem Jahr begannen die Streiche: Erst wurden nur Autokennzeichen abgenommen und neben den Wagen gelegt. Dann wurden sie in Hecken und Gebüschen versteckt, damit die Fahrer sie länger suchen mussten. Normale Kinderstreiche noch. Aber es wurde ernster: Mit der feinen Klinge eines Cuttermessers wurden wiederholt Autos zerkratzt.

Bald lief die Polizei nachts Patrouille durch das Viertel, dazu kamen die Bürgerstreifen: Zu zweit oder dritt gingen die Frauen und Männer durch die Siedlung. Ein paarmal wurde die junge Frau dann tatsächlich erwischt und dafür später auch verurteilt. Aber der Großteil der Fälle, für die die Anwohner sie verantwortlich machen, ist bislang nicht aufgeklärt.

Wut auf die Justiz

Irgendwann begannen dann die Brandstiftungen. Ein Gartenhäuschen ging in Flammen auf, ein Carport, ein Kleinbus. Viele sind überzeugt: Auch das war die junge Frau. Und spätestens von diesem Zeitpunkt an habe Angst geherrscht im Viertel. „Ich konnte nicht mehr schlafen, als die Brände losgingen. Ich war ein Wrack“, sagt eine Anwohnerin.

Die Chronik der Vorfälle in Hambühren

Februar: Nachdem 30 Anzeigen wegen verschwundener Kennzeichen eingegangen sind, wird die noch 17-Jährige von der Polizei in flagranti erwischt. Bei der Festnahme verletzt sie einen Polizisten.

Mai: Gegen die Frau wird wegen fünf Kennzeichendiebstählen, zwei Sachbeschädigungen und fünf Fällen von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte Anklage erhoben.

Juni: In der Siedlung brennt ein Spielhäuschen ab. Es ist der erste Brand, für den Anwohner die 17-Jährige verantwortlich machen.

November: Die mittlerweile 18-Jährige wird gefesselt an einer Landstraße entdeckt. Sie gibt an, entführt worden zu sein. Einen Tag später stellt sich heraus, dass sie die Tat selber inszeniert hat.

Dezember: Das Amtsgericht Celle verurteilt die junge Frau zu einer Arreststrafe und 40 Arbeitsstunden. Ihrem Anwalt zufolge bestätigt ein psychologisches Gutachten in dem Verfahren, dass sie schuldfähig ist und daher nicht in eine Psychiatrie gehört.

Über Selbstjustiz habe man nie auch nur eine Sekunde nachgedacht, sagen die Anwohner heute. Aber die Stimmung muss angespannt gewesen sein: Irgendwann habe die Polizei die Menschen gebeten, doch lieber auf die nächtlichen Bürgerstreifen zu verzichten, sagen Anwohner. Polizeisprecher Thorsten Wallheinke relativiert das: Man könne niemandem verbieten, das Haus zu verlassen. „Aber wir haben deutlich gemacht, dass wir Hinweise haben wollen und nicht, dass die Menschen selber eingreifen.“

Ende November wurde die 18-Jährige dann  gefesselt an einer Landstraße aufgegriffen. Im ersten Moment, räumt eine Anwohnerin ein, da habe sie gedacht: „Jetzt ist einer von uns durchgedreht.“ Doch schon einen Tag später stellt sich heraus:  Die junge Frau hatte ihre eigene Entführung inszeniert.

Die Wut und das Unverständnis der Menschen in Hambühren richten sich vor allem gegen die Justiz: Die junge Frau sei offenkundig psychisch krank, eine Gefahr für sich und andere und müsse deshalb in eine geschlossene Betreuung gesteckt werden. Die Antwort des Amtsgerichts darauf fällt denkbar knapp aus: Man könne den Unmut der Menschen verstehen, aber es werde schon alles getan, was möglich sei. Für die Menschen in Hambühren klingt das wie Hohn: „Wir werden alleingelassen“, ist der Satz, den man immer wieder hört.

Die Gerichte dürften nicht über Einzelfälle sprechen, um Persönlichkeitsrechte und die Unschuldsvermutung nicht zu verletzen, sagt Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne), die sich zum konkreten Fall nicht äußern will. Die Hürden, bevor ein Mensch in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden dürfe, seien zu Recht hoch: „Die Freiheit ist unser höchstes Gut.“

Gleichwohl könne eine schweigende Justiz Unverständnis wecken, räumt die Ministerin ein. Sie arbeite daher in ganz Niedersachsen daran, dass die Sprecher der Gerichte entsprechend weitergebildet würden, um diese Gratwanderung gehen zu können. Und sie bietet den Menschen in Hambühren eine Diskussion über den Fall an: „Ich wäre bereit, da hinzufahren.“

Gab es Trittbrettfahrer?

Der Anwalt der jungen Frau widerspricht den Vorwürfen: „Meine Mandantin hat mit den Brandstiftungsvorwürfen nichts zu tun“, sagt Martin Fricke. Und auch die Vandalismusfälle könnten ihr nicht allein zugerechnet werden. „Ich gehe davon aus, dass es eine Reihe von Trittbrettfahrern gibt.“ Fricke räumt aber auch ein, dass seine Mandantin sich wiederholt unklug verhalten hat: So habe sie sich bewusst nachts in der Nachbarschaft gezeigt, um den Eindruck zu provozieren, dass sie für Kratzereien an den Autos oder Kennzeichendiebstähle verantwortlich sei, obwohl sie diese nicht begangen habe. Ihr sei möglicherweise nicht klar gewesen, welche Wellen der Fall im Laufe der Zeit geschlagen habe. „Am Prozesstag ist sie aus allen Wolken gefallen“, sagt der Celler Anwalt.

Seit dem Prozess, bei dem die junge Frau zu einem Wochenendarrest und 40 Arbeitsstunden verurteilt worden war, ist es ruhig geblieben im Ort. Neue Anzeigen hat es nicht gegeben, sagt Wallheinke. Doch die Anwohner misstrauen der Ruhe. „In meinen Augen ist sie ein schlafender Vulkan“, sagt eine Anwohnerin. Und es sei nur eine Frage der Zeit, bis er wieder ausbreche. Und deshalb werde man weiter aufpassen müssen.

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