Selbstjustiz oder Selbstinszenierung?

Eine an den Händen gefesselte Frau hat am Mittwochabend für einen Großeinsatz der Polizei in Boye gesorgt. Nach Angaben des Celler Polizeisprechers Thorsten Wallheinke war die 18-Jährige aus Hambühren an der Landesstraße 180 am Ortsausgang in Richtung Winsen plötzlich auf der Straße aufgetaucht, um die vorbeifahrenden Verkehrsteilnehmer „auf sich aufmerksam zu machen“. Nach einem entsprechenden Bericht auf der Homepage der Celleschen Zeitung vom Vormittag bestätigte die Polizei am Nachmittag, dass Polizei und Staatsanwaltschaft in einer Vielzahl von Fällen wegen Sachbeschädigung an Autos, Diebstählen von Kennzeichenschildern sowie mehreren Brandstiftungen in Hambühren gegen die Frau ermittelt werde.

BOYE. Rund 150 Straftaten – Sachbeschädigungen und Brandstiftungen – wurden in diesem Zusammenhang bei der Polizei in den vergangenen Monaten angezeigt. Die Anwohner machen dafür die 18-jährige Frau verantwortlich. Spekuliert wird, dass die Entführung in Zusammenhang mit den Straftaten steht. Möglicherweise wurde hier Selbstjustiz geübt. Hambührener Bürger schlossen auch eine Selbstinszenierung nicht aus. Anscheinend hat auch die Polizei ihre Zweifel an den Darstellungen der Frau. „Anhaltspunkte dafür, dass als ein möglicher Täter der behaupteten Entführung ein Geschädigter der Straftaten, die die junge Frau begangen haben soll, in Betracht kommt, bestehen nicht“, sagte Wallheinke. „Derzeit wird die Hambührenerin aufgrund sich nach den ersten polizeilichen Ermittlungen ergebener Unklarheiten ausführlich zum Sachverhalt vernommen.“

Eine Autofahrerin hatte die Frau am Mittwochabend auf der Landesstraße 180 gefunden. „Sie hat eine junge Frau an den Händen gefesselt vorgefunden und anschließend die Polizei informiert“, sagte Polizeisprecher Wallheinke. Die gerufenen Einsatzkräfte alarmierten Rettungsdienste und Notarzt, um die Frau zu untersuchen. „Sie war äußerlich unverletzt, wurde aber medizinisch betreut“, sagte Wallheinke.

Noch in der Nacht durchsuchte die Kriminalpolizei das Waldstück. Nachdem sie Hinweise an einer Stelle, die etwa 30 bis 40 Meter von der Straße entfernt liegt, gefunden hatten, machten sich die Mitarbeiter der Spurensicherung an die Arbeit. Um kurz nach 12 Uhr wurde der Tatort gestern wieder freigegeben.

Was steckt hinter dem Fall?

Am Donnerstag gab es dazu viele Spekulationen. Nach Aussage einer Anwohnerin sei seit Monaten in Hambühren diskutiert worden, dass es zu einer Art Selbstjustiz kommen könnte. „Wir hatten schon die Vermutung, dass die Polizeipräsenz nicht nur erhöht wurde, um weitere Sachbeschädigungen und Brandstiftungen zu verhindern, sondern auch um die 18-jährige Frau zu schützen“, so Anwohnerin Sabine Meyer (Name geändert). „Hat jetzt jemand ernst gemacht oder ist die Entführung inszeniert?“ Polizeisprecher Thorsten Wallheinke wollte sich an solchen Spekulationen nicht beteiligen. „Wir ermitteln in alle Richtungen.“ Die 18-Jährige habe selbst nicht von einem Racheakt gesprochen.

Auch für den Hambührener CDU-Landtagsabgeordneten Thomas Adasch sind die „Hintergründe und Umstände derzeit noch völlig unklar“. „Ich habe vollstes Vertrauen in unsere Polizei“, so Adasch. Aber: „Die Vorgeschichte ist ja bekannt. Nach wie vor besteht aus meiner Sicht ein dringender Handlungsbedarf von Seiten der Justiz in Zusammenarbeit mit der Jugendbehörde, um zum Schutz der jungen Frau wie der Bürger weitere Eskalationen zu verhindern und möglichst schnell zu belastbaren Ergebnissen zu kommen“, sagte Adasch.

Kreisrat Bernd Niebuhr hatte in einem Eilantrag vor mehreren Wochen auf die „Gefahr für Dritte und die junge Frau hingewiesen“. „Ich hatte da tatsächlich schon eine Befürchtung“, sagte Niebuhr. Das Amtsgericht habe daraufhin ein ärztliches Gutachten angefordert. „Das können wir als Landkreis aber nicht zwangsweise anordnen, das kann nur ein Gericht“, sagt Niebuhr. Der Landkreis ist in den Fall involviert, weil die junge Frau aus Hambühren bei den ersten ihr vorgeworfenen Straftaten minderjährig war.

„Über das Eilverfahren wird in Kürze beschieden“, sagte der Direktor des Celler Amtsgerichts, Dieter-Philipp Klass, auf CZ-Anfrage. Zu Details könne er sich aufgrund der Unabhängigkeit der Richter nicht äußern. Sehr wohl gab er aber gestern den Termin für die Hauptverhandlung gegen die 18-Jährige bekannt. Am Donnerstag, 8. Dezember, geht es in einer nicht-öffentlichen Verhandlung aber „nur“ um insgesamt zwölf Fälle – fünf Fälle von Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie zwei weitere Sachbeschädigungen –, die angeklagt wurden.

Die 18-Jährige war nach Angaben der Polizei am Dienstagabend, etwa gegen 20.30 Uhr, in der Nähe ihres Wohnortes verschwunden. Aufgrund eines bei der Polizei eingegangenen Notrufs über eine angebliche Entführung wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung eingeleitet und intensiv nach ihr gefahndet. Die Landesstraße 180 war zwischen Boye und Winsen zweieinhalb Stunden voll gesperrt.

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