Vom TV-Star in Afghanistan zum Flüchtling in Hambühren

HAMBÜHREN. In Afghanistan konnte sie nicht auf die Straße gehen, ohne erkannt zu werden. „Die Leute kamen sofort zu mir an und wollten Autogramme“, sagt Farkhonda Areso und schiebt ihre langen schwarzen Haare hinters Ohr. Sie strahlt richtig, wenn sie über ihre Zeit als TV-Reporterin spricht. Die 26-Jährige berichtete live vom Spielfeldrand und war sogar beim Präsidenten Aschraf Ghani zu Besuch. In ihrer Freizeit spielte sie für das afghanische Volleyball-Nationalteam.

Klingt nach einem glücklichen Leben. Doch es gab auch die andere, die dunkle Seite von Afghanistan, wegen der Areso nach Deutschland kam. Denn als Frau im Fernsehen war sie eine Zielscheibe für die radikal-islamischen Taliban. Generell verbieten es die Islamisten den Frauen zu arbeiten. Eine Frau ohne Burka im Fernsehen ist da eine besondere Provokation. Schon Aresos Schwester musste als TV-Reporterin vor den Taliban nach Kanada fliehen und nun war auch sie selbst in Gefahr. Sieben ihrer Kollegen starben durch eine Auto-Bombe, 26 weitere wurden schwer verletzt. Jeden Tag musste sie bei Tolo-TV – dem größten Sender des Landes – Evakuierungs-Übungen machen. „Ich wusste nicht, ob ich noch einen Monat, eine Woche oder nur noch eine Stunde zu leben hatte“, sagt die 26-Jährige und strahlt dabei nicht mehr.

Sie schlief wenig oder schlecht, immer in der Ungewissheit ob heute ihr letzter Tag ist. „Es war so weit, dass ich mich als 26-jährige Frau wieder zu meiner Mutter zum Schlafen gelegt habe“, berichtet die Geflohene. Als sie erfuhr, dass die Taliban wissen wo sie wohnen, zog sie in eine sogenannte „Gated-Community“, also eine bewachte Siedlung. Dort war die Miete aber zu teuer und nach einem Monat musste sie das Apartment wieder aufgeben.

Areso beantragte ein Visum in Deutschland und das wurde für die gut ausgebildete Frau, die fließend Englisch spricht, auch innerhalb einer Woche genehmigt. Mit dem Flugzeug kam sie dann nach Deutschland und dort wurde sie in Hambühren untergebracht, wo auch schon zwei ihrer sechs Brüder wohnen.

Bei den kleinen und großen Fragen des Lebens hilft „Miss Jessica“, wie Areso Jessica Illmann von der Gemeinde Hambühren nennt. Zum Beispiel rief Illmann für sie bei den Volleyballerinnen des SV Nienhagen an. „Die sind aber viel zu gut für mich“, gibt Areso zu. Daher ist sie weiterhin auf der Suche nach einem Volleyball-Team. In der Zwischenzeit lernt sie fleißig Deutsch, will in Zukunft auch hier als TV-Reporterin arbeiten, denn Deutschland gefällt ihr. „Manchmal träume ich noch vom Krieg in Afghanistan, mit dem ich aufgewachsen bin. Aber dann wache ich auf und fühle mich wieder sicher“, sagt sie – und hat ihr Strahlen wiedergefunden. / Quelle: Cellesche Zeitung

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